
1976 – Als DJ
Mit 20 Jahren stand ich als DJ hinter dem Mikrofon.
Wenn ich heute daran zurückdenke, kommt es mir manchmal vor, als wäre es erst gestern gewesen. Und doch ist inzwischen ein halbes Jahrhundert vergangen.
Musik war damals meine große Leidenschaft.
Es gab kein Internet, kein Spotify und natürlich kein Handy, auf dem man innerhalb weniger Sekunden jedes gewünschte Lied finden konnte.
Unsere Musik kam von Schallplatten.
Man nahm eine Platte vorsichtig aus ihrer Hülle, legte sie auf den Plattenteller und setzte die Nadel auf.
Und dann kam dieses unverwechselbare leise Knistern, bevor die ersten Töne erklangen.
Für mich hatte eine Schallplatte etwas Besonderes. Man konnte sie in die Hand nehmen, das Cover betrachten und wusste manchmal schon beim Anblick:
Bei dieser Platte wird die Tanzfläche voll.
Als DJ hatte ich natürlich nicht nur die Aufgabe, Platten aufzulegen. Ich stand auch hinter dem Mikrofon, moderierte und versuchte, für gute Stimmung zu sorgen.
Mit zwanzig Jahren war das für mich etwas Besonderes.
Ich beobachtete die Menschen und merkte schnell, welche Musik ankam. Bei manchen Liedern dauerte es nur wenige Sekunden, und die Tanzfläche wurde voll.
Bei anderen blieb sie plötzlich leer.
Dann wusste man als DJ:
Die nächste Platte muss sitzen.
Die Siebzigerjahre hatten musikalisch unglaublich viel zu bieten.
Da waren ABBA, die Bee Gees, Smokie oder Queen.
Aber natürlich bestand unsere Musikwelt nicht nur aus internationaler Popmusik.
Peter Alexander gehörte für viele Menschen genauso dazu. Seine Lieder und seine Fernsehsendungen kannten Millionen.
Und natürlich gab es Udo Jürgens, dessen Lieder bis heute unvergessen sind.
Auch Namen wie Roy Black, Vico Torriani oder Peter Kraus gehörten zu einer Zeit, in der Unterhaltung noch ganz anders funktionierte als heute.
Und dann war da das Fernsehen.
Wir hatten keine hundert Programme und keine Streamingdienste.
Wenn am Samstagabend eine große Unterhaltungssendung lief, saßen oft Millionen Menschen gleichzeitig vor dem Fernseher.
Einer der ganz Großen war Hans-Joachim Kulenkampff.
Wenn „Kuli“, wie ihn fast jeder nannte, auf dem Bildschirm erschien, wurde zugeschaut.
Am nächsten Tag wusste man, worüber die Leute redeten.
Heute sitzt einer vor Netflix, der andere schaut YouTube und der Nächste auf sein Handy.
Damals saßen wir gemeinsam vor dem Fernseher.
Vielleicht war das Fernsehen technisch einfacher.
Aber irgendwie brachte es die Menschen auch zusammen.
Und genauso war es mit der Musik.
Man ging aus.
Man traf sich.
Man tanzte miteinander.
Und wenn einem ein Mädchen gefiel, gab es noch kein Facebook, kein WhatsApp und keine Dating-App.
Man musste hingehen und mit ihr reden.
Manchmal bekam man einen Korb.
Und manchmal eben nicht.
Als DJ hatte ich einen besonderen Platz.
Von meinem Pult aus konnte ich alles beobachten: Menschen, die lachten, tanzten, miteinander redeten und für einige Stunden ihre Sorgen vergaßen.
Und das Schönste für mich war, wenn ich sah:
Die Menschen haben Freude.
Vielleicht ist genau das bis heute geblieben.
Damals versuchte ich, mit Musik Menschen zu erreichen.
Heute versuche ich es mit Worten.
Viele Jahre später wurde nämlich nicht mehr die Musik, sondern das Schreiben zu meiner großen Leidenschaft.
Ich begann, Geschichten und Gedanken festzuhalten. Geschichten über Menschen, über das Leben und über Dinge, die mich berühren.
Wenn ich heute eine meiner Geschichten vorlese und jemand lächelt, nachdenklich wird oder sich plötzlich an etwas aus seinem eigenen Leben erinnert, dann empfinde ich etwas Ähnliches wie damals hinter meinem DJ-Pult.
Nur mein Werkzeug hat sich verändert.
Damals waren es Schallplatten und ein Mikrofon.
Heute sind es meine Geschichten und meine Worte.
Die Zeiten haben sich verändert.
Die Musik hat sich verändert.
Und auch wir sind älter geworden.
Aber etwas kann uns niemand nehmen:
unsere Erinnerungen.
Und manchmal genügt ein einziges altes Lied.
Plötzlich erinnern wir uns wieder daran, wo wir damals waren, mit wem wir getanzt haben oder in wen wir vielleicht ein bisschen verliebt waren.
Für ein paar Augenblicke sind die vielen Jahre dazwischen verschwunden.
Und wenn ich heute irgendwo ein Lied aus dieser Zeit höre, bin auch ich für einen kurzen Moment wieder zwanzig Jahre alt.
Ich sehe die Schallplatten vor mir.
Ich sehe die Tanzfläche.
Ich nehme das Mikrofon in die Hand.
Und in Gedanken stehe ich wieder dort:
hinter meinem Plattenspieler im Jahr 1976..
© August Haug, Austria